Das Kinder-AKKU in Gefahr? Bericht einer Nachbarin

Auf unserer Webseite lassen wir regelmäßig Menschen aus dem Viertel zu Wort kommen – auch dieser Beitrag einer Nachbarin hat uns erreicht.

Normalerweise schreibe ich keine Texte. Ich gehöre zu einer Minderheit in unserer Gesellschaft. Ich bin nämlich berufstätig in Vollzeit und Mama – seit acht Jahren. Warum ich also nun doch schreibe, hat einen guten Grund. Mich ereilte kurz vor Weihnachten eine Email der Leiterin des Kinder-AKKU Giesing. Für die, die nicht wissen, was das ist, kann man grob sagen: Kinder, ungefähr im Grundschulalter, können dort nachmittags an Aktionen oder Beschäftigungsprojekten teilnehmen und Kinder des ganzen Viertels, auch die, die nicht auf die Agilolfinger Schule gehen, können dort an den Ferienangeboten teilnehmen. Wir gehören zu denen, die gerne ab und zu die bisher bezahlbaren Ferienangebote dort nutzen, um während der Ferienzeit meines Kindes arbeiten zu können.

Die Mail von Frau Hensel, der Leiterin des Kinder-AKKU, schien zunächst unscheinbar mit weihnachtlichen Wünschen. Aber je länger ich las desto mehr wurde mir klar, dass es sich um einen verzweifelten Aufruf einer äußerst engagierten Einrichtungsleiterin handelte. Sie bat uns darum, dass wir Eltern auf die verzweifelte Lage des Akkus aufmerksam machen sollen. Das Akku ist aufgrund von finanziellen Kürzungen des Sozialetats dazu gezwungen, die sorgsam ausgearbeiteten und exzellenten Angebote entweder gar nicht mehr oder nur noch sehr rudimentär anzubieten. Gleichzeitig sind Stellen nur noch befristet zu besetzen. Sie finden also folgerichtig auch kaum mehr Personal!

Was bedeutet das also für uns Eltern und die Kinder? Wohnortnahe Betreuungsangebote werden kurzfristig verkürzt oder abgesagt, dadurch sind weder mittel- noch langfristige Planungen möglich. Das führt zu Stress in der Arbeit und in der Familie. Derzeit ist auf Grund dieser prekären Situation kaum Verlass auf die Kinderbetreuung. Wenigstens gibt es noch die „Candid-Oase“ (südl. Candidplatz mit Skaterpark), wo die Kids relativ autonom skaten oder mit ihren ferngesteuerten Autos spielen können! Auf Mamadeutsch bedeutet die Existenz dieses Ortes: es besteht so wenigstens noch die Möglichkeit zu Hause ein bisschen am Laptop was wegzuarbeiten.

Ich werde langsam aber sicher immer wütender. Seit nunmehr bald mehr als 8 Jahren sehe und höre ich Vieles, das ich mir vorher nicht vorstellen konnte und nun ist das Maß langsam aber sicher voll. Deshalb teile ich den Hilferuf des Akkus und bitte alle, diesen zu unterstützen. Sei es verbal, sei es finanziell, sei es einfach nur so. Das Kinder-AKKU befindet sich direkt in der Grundschule am Agilolfinger Platz. Jeder kann es von Außen sehen.

Mir ist bewusst ist, dass auch bei anderen sozialen Einrichtungen das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Mir mangelt es nicht an Empathie und sicherlich brauchen viele andere Projekte auch ihre Aufmerksamkeit. Nur eines wohlgemerkt: Was will diese Gesellschaft eigentlich? Was erwartet man denn noch von uns Frauen und Eltern? Wir sollen unsere Kinder früh kriegen, damit wir natürlich möglichst viele Kinder bekommen. Zu jung aber auch nicht, weil sonst kann man ohne Studium und/oder Ausbildung ja dann nicht richtig zum Bruttosozialprodukt beitragen. Zu spät im Leben auch nicht, weil dann zu alt? Studieren ja, aber eigentlich völlig umsonst, weil frau ja wieder nur maximal 15 Stunden in der Woche arbeiten kann, weil sie sich auf nix verlassen kann (Betreuung) und das dem Chef nicht antun kann, dass sie nicht zuverlässig arbeitet? Der Mann arbeitet dann also im Normalfall ja eh 60h oder noch mehr in der Woche. An die Männer denkt auch keiner, weil sich sicherlich nicht jeder darum reißt, sich fix und fertig zu machen und der alleinige Haupternährer zu sein. Aha, man hat ja die Oma? Nee, die ist vielleicht nicht in der Nähe, weil sie sich die Miete von der lächerlichen Rente nicht leisten kann? Und was ist mit den Kindern? Alle öffentlichen Angebote werden gekürzt, öffentliche Flächen zugebaut. Sie sollen nicht immer ins TV und ins Handy schauen, denn sonst haben wir unsere elterliche Fürsorgepflicht vernachlässigt und unsere Kinder werden dumm? Aber wo sollen haben sie andere Möglichkeiten?

Wollen wir gesunde Kinder, die Sport machen, die Freunde im Viertel haben und sich normal entwickeln können? Wollen wir eine halbwegs geschlechterausgeglichene Gesellschaft? Manche mögen denken, ich schweife ab, aber eins möchte ganz klar hier am Beispiel des Kinder-AKKUs zeigen: Es muss in der Betreuung der Kinder eine 100%-ige Verlässlichkeit da sein und auch genug Mittel, um den Einrichtungen einen Mindeststandard zu ermöglichen. Für uns Eltern ist essentiell, dass wir planen können, um Arbeiten zu können und auch, um den Kindern das Gefühl einer Kontinuität vermitteln zu können. Verlässlichkeit und eine Minimum-Qualität in einer Umgebung, die immer weniger verlässlich wird. Entscheiden wir uns also als Gesellschaft, was wir wollen und setzen wir uns dafür ein.